Die Krux der Vegetarier – halber Tierschutz reicht nicht
Der Verzicht auf Fleisch hilft den Tieren nur bedingt. Denn auch Milch und Eier sind Produkte eines Systems, das ohne Tierleid nicht funktioniert.
Viele Menschen verzichten auf Fleisch, weil sie sich mit den grausamen Bildern in den Medien nicht abfinden wollen. Hühner, Schweine und Rinder in prekären Haltungsbedingungen, bei Transporten oder in Schlachthöfen. Der Fleischverzicht soll den Tieren helfen und das eigene Gewissen beruhigen. Sie nennen sich Vegetarier, entscheiden sich bewusst gegen das Töten für den Konsum – ein Schritt in die richtige Richtung. Doch der Schritt bleibt unvollständig, solange Milch und Eier weiterhin Teil des Speiseplans sind. Denn auch sie sind Produkte eines Systems, das ohne Tierleid nicht funktioniert.
Kühe geben nicht von Natur aus Milch. Sie müssen dafür schwanger werden – immer wieder. Die Kälber werden den Mutterkühen kurz nach der Geburt weggenommen, damit der Mensch die Milch konsumieren kann. Die weiblichen Kälber landen später oft selbst im endlosen Kreislauf der Milchwirtschaft. Die männlichen „Kuhkinder“ hingegen sind wirtschaftlich nahezu wertlos. Sie geben keine Milch, ihre Aufzucht lohnt sich nicht. Sie werden früh gemästet und geschlachtet oder direkt nach der Geburt getötet. Wer Milch trinkt, trägt also mit Verantwortung für diese Praxis.
Das Schicksal der "Nutztier-Männer"
In der Eierindustrie ist es ähnlich: Aus Bruteiern schlüpfen zu etwa 50 Prozent männliche Küken. Diese legen keine Eier und setzen zu wenig Fleisch an, brauchen in der Mast zu lange – ein wirtschaftliches Problem, das mit brutaler Konsequenz gelöst wird. Lange war das Schreddern oder Vergasen von Eintagsküken gängige Praxis. Auch wenn es in Deutschland inzwischen verboten ist, bleiben die Alternativen für Vegetarier fragwürdig: Bei sogenannten „Zweinutzungshühnern“, bei denen die Hennen Eier legen und die männlichen Küken langsamer ins Schlachtgewicht wachsen, werden die Brüder am Ende doch geschlachtet. Darüber hinaus ist Deutschland beim Schalenei lange nicht Selbstversorger und muss viele Eier, meist aus den Niederlanden, importieren. Es gilt also: Ohne Leid kein Ei.
Andere essen die Fleisch „Reste“
Was viele Vegetarier nicht bedenken: Für Milch und Eier geborene Tiere landen letztlich bei Fleischessern auf dem Teller – die männlichen Tiere zuerst. Nicht, weil es eine bewusste Zusammenarbeit gäbe, sondern weil das System nur so funktioniert. Die Fleischesser „entsorgen“, was für Vegetarier mitproduziert wird. Der Verzicht auf Fleisch allein verhindert dieses Leid nicht. Er verschiebt es lediglich – auf andere Teller.
Noch ein langer Weg
Die Dimensionen führt sich kaum jemand vor Augen. Rund 3,67 Mio. Milchkühe werden in Deutschland gehalten, so der Milchindustrieverband. Es werden zwar jedes Jahr weniger, aber diese Milchkühe bringen alle ein Kalb im Jahr zu Welt. Rund die Hälfte davon sind männliche Tiere, die für die Milchindustrie unbrauchbar sind. Im Jahr 2024 lag laut der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse die Anzahl der Menschen in Deutschland, die sich selbst als Vegetarier bezeichnen, bei rund 8,43 Millionen. Sie stieg um rund 310.000 Personen im Vergleich zum Vorjahr an. Rund 10 % der Gesamtbevölkerung verzichtet demnach mittlerweile auf Fleisch. Fast 200.000 männliche Kälber entstehen aber zwangsläufig, damit Vegetarier weiter Milchprodukte verzehren können. Bei den Legehennen ist die Zahl noch drastischer. Durchschnittlich legt jedes der ca. 50 Mio. Legehennen hierzulande 291 Eier im Jahr. Rund 10 % davon für Vegetarier. Die Belastung, um 291 Eier „Güteklasse A“ im Körper zu erzeugen und dann zu gebären, sind für die Hennen kaum zu ertragen. Nicht umsonst werden Legehennen schon nach 14-16 Monaten ausgestallt, denn die „Legeleistung“ nimmt drastisch ab. Sie sind ausgebrannt und unwirtschaftlich.
Wer Tiere wirklich schützen will, muss vegan leben
Es ist klar: Wer kein Fleisch mehr isst, reduziert die für ihn in der meist Massentierhaltung produzierten Tiere deutlich. Ein sehr guter Anfang! Es ist aber ein Trugschluss zu meinen, dass dadurch keine Tiere mehr leiden. Wer es ernst meint mit dem Tierschutz, darf nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Tiere sind keine Produktionsmittel, sie sind fühlende Wesen – Vegetarier haben das erkannt. Das Ziel, sie zu schützen, lässt sich nur konsequent mit einer pflanzlichen Ernährung erreichen. Vegan zu leben, heißt nicht perfekt zu sein, sondern konsequent Verantwortung zu übernehmen: für das eigene Handeln, für Konsumentscheidungen – und für Tiere, die sich dem meist schweren Lebensweg und Sterben nicht entziehen können.

