Kognitive Höchstleistungen im Federkleid
Viele Tiere besitzen deutlich mehr Fähigkeiten, als wir ihnen vermutlich zuschreiben würden. Rabenkrähen und Tauben sind zwei Beispiele für Vögel, die beeindruckende Leistungen erbringen.
Jeder kennt es: Man verlässt einen Bahnhof, und das Erste, was man sieht, sind Tauben. Tauben überall und wie sie verzweifelt und dreist um Futter kämpfen. Die meisten Menschen bezeichnen sie als „Ratten der Lüfte“, als nervig und dumm. Aber sind Tauben wirklich so dumm? Nein, ganz im Gegenteil!
Wussten Sie zum Beispiel, dass Tauben bezüglich der mentalen Rotation bessere Leistungen erbringen als Studierende? Doch was bedeutet das eigentlich? Mentale Rotation umfasst die Fähigkeit, Objekte oder Bilder immer als dasselbe erkennen zu können, obwohl es beispielswiese um 180 Grad gedreht wurde.
Schnelle Orientierung ist überlebenswichtig
In einem Experiment wurden Tauben darauf trainiert, aus mehreren Bildern genau das auszuwählen, welches dem zuvor gezeigten Bild entspricht. Dabei unterschied sich der Zielreiz jedoch in dem Grad der Rotation des zuvor gezeigten Bildes. Wir Menschen brauchen bei einer solchen Aufgabe mehr Zeit, je höher der Grad der Rotation ist. Tauben hingegen sind in diesem Bereich deutlich schneller und somit dem Menschen diesbezüglich überlegen. Würde man so etwas von den „Ratten der Lüfte“ erwarten, die uns alltäglich begegnen? Aber wieso können Tauben dies besonders gut? Der Grund liegt unter anderem in der evolutionären visuellen Spezialisierung von Tauben: Tauben haben ein sehr gut entwickeltes visuelles System, da sie sich in der Natur häufig und schnell orientieren müssen (unter anderem bei der Navigation). Die Fähigkeit sich aus verschiedenen Blickwinkeln in ihrer Umgebung zurechtzufinden, ist für sie überlebenswichtig.
Gefiederte Meister der Problemlösung
Aber Tauben sind nicht die einzigen unterschätzten Tiere der Lüfte. Ein weiteres Beispiel umfasst Rabenkrähen. Rabenkrähen sind überaus intelligente Tiere mit beeindruckenden Problemlösefähigkeiten. Haben Sie zum Beispiel schon einmal Rabenkrähen gesehen, die auf der Straße sitzen und erst im letzten Moment wegfliegen? Das machen sie nicht, weil sie vermeintlich lebensmüde sind. Rabenkrähen platzieren ihre Nüsse (oder anderes Futter) auf der Straße, damit Autos drüberfahren und die Nüsse ohne großen Aufwand geknackt werden. Durch diesen Lernprozess ergab sich ein Vorteil im Nahrungserwerb, da diese Methode sowohl Zeit als auch Energie spart.
Aber nicht nur die erlernten, effizienteren Wege der Nahrungsbeschaffung sind beeindruckende Fähigkeiten der Rabenkrähen. Sie sind zudem bekannt dafür, dass sie als eine der wenigen Vogelarten Werkzeuge benutzen können (zum Beispiel Stöcke), um an Futter zu gelangen. Darunter fällt ebenfalls ein Grundverständnis für die Wasserverdrängung. Herausgefunden wurde dies, als einer Rabenkrähe ein schmales, hohes Gefäß präsentiert wurde, welches ungefähr bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt wurde. Im Wasser schwamm ein Wurm, den die Krähe unbedingt erreichen wollte. Jedoch war das Gefäß zu hoch, um den Wurm direkt mit dem Schnabel herausfischen zu können. Die Rabenkrähe versuchte einige Male ohne Erfolg den Wurm zu erreichen, bis sie sich abwandte. Doch statt aufzugeben, nahm sie sich nacheinander kleine Steine, die in der Nähe lagen und ließ sie in das Gefäß fallen. Mit und mit stieg der Wasserspiegel so weit an, dass die Rabenkrähe ohne Probleme nach dem Wurm fischen konnte.
Tierische Fähigkeiten werden oft unterschätzt
Diese Beispiele zeigen uns, dass viele Tiere deutlich mehr Fähigkeiten besitzen, als wir ihnen vermutlich zuschreiben würden und wir auch „ungeliebte Tiere“ wie unsere Stadttauben nicht unterschätzen dürfen. Wer hätte damit gerechnet, dass Tiere uns in kognitiven Aufgaben wie der mentalen Rotation überlegen sind?
Die Beispiele aus der Tierwelt, in denen uns andere Spezies überlegen sind oder zumindest sehr beeindruckende Leistungen erbringen, sind sehr vielfältig. Egal ob Tiere in einem Experiment Bilder als identisch erkennen, ihr Futter aus Gefäßen fischen, ihre Artgenossen anlügen, austricksen oder bestehlen: Wir sollten niemals die Fähigkeiten und Spezialisierungen der Tiere unterschätzen, die uns tagtäglich umgeben. Häufig steckt hinter ihrem Verhalten mehr, als wir ihnen zutrauen würden.

